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Weihnachten der Schiffe

Eine Weihnachtsgeschichte von Claus Beese © 2000 / 2005

„Sag mal, Papa! Feiern Schiffe eigentlich auch Weihnachten?“
Erstaunt schaute ich herunter auf den kleinen Zwerg an meiner Seite, der eingemummelt in eine dick gefütterte Winterjacke, neben mir durch den Schnee stapfte. Schon lange hatte ich es mir zur Angewohnheit gemacht, am Tag vor dem Heiligen Abend nochmals zu der Halle zu fahren, in welcher die Boote der Vereinsfreunde in stiller Winterruhe lagen. Es hatte etwas Besonderes, durch die stillen Gänge und Winkel zwischen den Booten zu schlendern, die kalten Leiber der Schiffe durch den Stoff der Handschuhe zu spüren und in Gedanken mit ihnen auf große Fahrt zu gehen.
„Weihnachten? Hm! Ja, sicher werden die Boote auch Weihnachten feiern. Allerdings ganz anders, als die Menschen!“
„Und wie machen die das? Die haben doch gar keinen Tannenbaum, und Plätzchen können sie auch nicht backen? Ich glaube nicht, dass das eine schöne Feier ist, Papa!“
Lachend schloss ich die Halle auf und wir schlüpften hinein in das stille Halbdunkel, in dem die Schiffe auf ihren Winterwagen lagen und auf die Ausfahrten der nächsten Saison warteten.
„Ach, Töchterlein! Woher willst du denn das wissen? Nur weil es anders ist, wird es nicht schlechter sein als unser Weihnachtsfest.“
„Und wie ist es? Hast du es schon mal erlebt?“
Ich hob den Zwerg hoch und stellte ihn auf das Deck unseres kleinen Kajütbootes. Wir krabbelten unter die Persenning und schauten hinaus. Wenn man die Augen schloss, konnte man noch die sanften Bewegungen des auf den Wellen schaukelnden Bootes spüren, obwohl das Boot lange auf dem Trockenen lag. Claudia kuschelte sich an mich.
„Kommt hier etwa auch der Weihnachtsmann?“ wollte sie wissen. „Und was bringt der den Booten?“
„Vielleicht bringt er den Segelschiffen neue Segel, weil die alten im letzten Sturm zerrissen sind? Und die Motorboote kriegen eine neue Schraube oder einen neuen Luftfilter für den Motor? Ich weiß nicht, was Schiffe bekommen, Maus! Aber ich weiß, dass sie ein schönes Weihnachtsfest haben!“
„Und woher willst du das wissen?“
Ihre kindliche Neugier war geweckt und ihre wachen Augen blitzten mich auffordernd an.
„Na gut!“ seufzte ich. „Also pass auf! Es war vor langer Zeit, noch lange bevor du geboren wurdest. Da fuhr ich einmal an einem Heiligen Abend nachmittags hierher und setzte mich, genau wie wir beide das jetzt tun, auf unser Boot. Ich ließ meine Gedanken zurückgehen in das letzte Jahr und stellte mir noch einmal vor, wo ich überall gewesen bin. Es war genau so kalt wie heute und ich hatte mich in eine warme Decke eingewickelt. Sie war ganz weich und warm und weil ich in den letzten Tagen noch viel gearbeitet hatte, wurde ich schrecklich müde. Bevor ich mich versah, war ich eingeschlafen und träumte, wie unsere DODI mich bei herrlichem Sonnenschein sanft über die glatte See trug, wie die Möwen laut schreiend um mich herumflogen und die warmen Sonnenstrahlen mich streichelten.“
„Und dann, Papa? Was passierte dann?“
„Dann bin ich wohl von der Bank geplumpst, denn als ich wach wurde, saß ich auf dem Fußboden und um mich herum war es schon ganz dunkel geworden. Ich hatte ja am Nachmittag noch kein Licht gebraucht, und so musste ich mich jetzt in der Dunkelheit vorsichtig von Bord tasten. Vorsichtig kletterte ich also am Boot herab und stand etwas später auf dem Hallenboden zwischen den Schiffen. Doch was war das? Plötzlich war ein leises Wispern in der Halle, als flüsterten tausend Stimmen miteinander. Ich blieb ganz still stehen, wagte nicht, mich zu rühren. Und das Flüstern wurde lauter und bald konnte ich einige Worte verstehen."
"Holland! So, so meine Beste! In Holland waren sie ganz. Ist das nicht ein bisschen weit für so ein kleines Schiff?"
"Wie, kleines Schiff? Sie sind man knapp zwei Meter länger als ich, Gnädigste, und dafür ist ihre Taille etwas voller als bei mir. Und wo sind sie gewesen?"
"Unverschämtheit! Ich bin ja auch ein Dickschiff. Und ein seegängiges Segelschiff dazu. Ich brauche nicht durch die Kanäle nach Holland zu fahren. Ich kann richtig auf die See hinaus. Bis nach Helgoland, wenn es sein muss!"
"Wenn es sein muss! Habt ihr das gehört? Wenn es sein muss! Hahaha! Sie sind wohl nur in der Wesermündung rumgekreuzt , wie? Immer um Rote Sand herum, was?"
"Darf ich auch mal was sagen?" meldete sich eine ganz kleine Jolle zu Wort, und als alle anderen erstaunt schwiegen, räusperte sie sich und sprudelte dann hervor: "Also ich war an der Ostsee, und bin bis zum Kieler Leuchtturm gesegelt. Ist das nicht toll?"
"Toll? Was ist daran toll?" wollte ein nobler Kajütkreuzer wissen. "Die paar Seemeilen reiße ich vorm Frühstück ab. Du hättest ruhig die paar Meilen bis Dänemark auch noch machen können, Feigling!"
"Vielleicht wachse ich ja noch, und dann fahre ich mit dir um die Wette, du Snob! Und dann hast du nichts zu lachen! Versprochen!" schnaubte die Jolle empört.
"Pst! Seid mal ruhig! Habt ihr das auch gehört? Da ist doch was!"
Ich hielt die Luft an und wagte nicht mich zu bewegen. Was würde geschehen, wenn sie mich bemerkten? Es war jetzt so still, dass man hätte hören können, wie eine Feder zu Boden fällt. Da war plötzlich ein leises Seufzen zu hören, welches ganz hinten aus der letzten Ecke der Halle kam. Dort hinten lag ein ziemlich altes Schiff, der Leib nicht aus modernem Kunststoff, sondern aus altem, verbeultem Stahl. Die Masten waren nicht aus hochwertigem Aluminium, sondern aus Holz und schon an einigen Ecken ganz abgesplittert und rau. Alles in allem , und darüber war sich die Schar der Boote einig, mehr ein Fall für die Abwrackwerft, als für den Segelsport.
"Ich sage euch, ihr wisst nichts!" seufzte der alte Segler und ließ gehörig seine Spanten knacken. "Kieler Leuchtturm, Rote Sand, Helgoland! Ganz schön, das alles! Aber habt ihr schon mal das glasklare Wasser der Karibik gesehen? Gefühlt, wie Delphine unter euch dahinflitzen und mit ihren Flossen eure Bäuche kitzeln? Habt ihr unter euch noch in zwanzig Metern Tiefe die majestätischen Rochen gesehen, wie sie durch das Wasser schweben? Habt ihr schon mal, weit draußen auf dem Atlantik in sternenklarer Nacht dem Gesang der Wale gelauscht? Nein? Dann wisst ihr nichts!"
"Frido!" flüsterte die kleine Jolle. "Hast du schon einmal das Kreuz des Südens gesehen?"
Wieder seufzte der alte, rostige Kasten in seiner Ecke.
"Das habe ich, weiß Gott! Das habe ich!"
"Und?" wollte die kleine Jolle aufgeregt wissen. "Wie sieht es aus?"
"Diamanten! Leuchtende, funkelnde Diamanten auf einem blauschwarzen Samtkissen! Warte, ich werde es dir zeigen!"
An der Hallendecke erschien plötzlich ein leuchtender Nebelfleck, das Dach schien zur Seite zu gleiten und gewährte den Blick hinauf zu den Sternen. Doch es waren nicht die Sterne, wie man sie von hier aus sah. Es waren die Sterne, die über dem Äquator standen, und sie leuchteten in einer Pracht, dass ich geblendet die Augen schloss. Ein Sternbild kam ganz nah heran und ein Raunen und Flüstern ging durch die Halle.
Das Kreuz des Südens, Inbegriff aller Sehnsüchte der Menschheit. Traum aller Seefahrer und vielleicht auch aller Schiffe.
"Und jetzt zeige ich euch noch etwas! Etwas ganz Tolles!" knirschte der rostige Frido. Und der Sternenhimmel wechselte sein Bild. Ein einzelner, strahlend heller Stern schwebte heran. Der Polarstern! Gleißend hell strahlte sein Licht in die Dunkelheit der Halle hinein, um nach einer Weile ganz langsam zu verblassen.
Es war wieder dunkel in der riesigen, kalten Lagerhalle, in der die Boote vom Sommer träumten, und ich tastete mich durch die Finsternis zur Tür. Was für ein Abend!
Claudia wickelte sich aufgeregt aus der Decke, die ich uns während der Geschichte umgeschlungen hatte. Ihre Wangen glühten.
„Und was ist aus Frido geworden? Hier liegt doch gar kein Schiff, das so aussieht!“
„Frido und sein Kapitän sind im nächsten Jahr ausgelaufen. Man sagt, sie wollten über den Atlantik nach Mittelamerika. Niemand hat sie je wieder gesehen oder von Ihnen gehört!“
Wir krabbelten aus dem Schiff und kletterten von Bord. Draußen empfing uns eine weiße Winterlandschaft, und am frostklaren Himmel stand ein gleißend heller Stern, der sein Licht in voller Pracht durch die Dunkelheit erstrahlen ließ.

Im Jahr 2004 begingen die Schiffe ihr letztes Weihnachtsfest ohne zu ahnen, welches Verhängnis ihnen beschieden sein sollte. Die Bootseigner hatten die Saison im Sommer 2005 zusammen mit ihren Familien auf den Schiffen genossen, Ziele in Nah und Fern angelaufen, waren über Nord- und Ostsee gekreuzt und sogar bis nach Schweden unterwegs gewesen. Nun war die Saison vorbei und die Boote wurden in die Halle gebracht, wo sie geschützt vor Wind und Wetter den Winter verbringen sollten.
Niemand sah die dunkle Gestalt, die eines Nachts über das Gelände schlich, sich in den Schatten der Gebäude drückte und dann glomm das Licht eines Streichholzes auf. Der Holzstapel, der sich an die Halle lehnte, fing sofort zu brennen an, und die Gestalt huschte weiter. An einer anderen Stelle glomm ein weiteres Hölzchen auf, steckte das Vereinsheim in Brand. Im Nu züngelten die Flammen an den Hallenwänden empor, sprangen durch die Kunststoffscheiben der Licht-Öffnungen in die Halle hinein und fanden Nahrung in den Kunststoffrümpfen der dort eingelagerten Boote.
Mit lautem Knall barsten die Tanks in den Schiffen, der Treibstoff nährte das Feuer noch mehr, Stahl begann in roter Glut zu leuchten, das Hallendach brach in dem tosenden Inferno aus Feuer und Rauch hernieder. Die starken Träger der Hallenkonstruktion verbogen sich unter der enormen Hitze, gaben nach und begruben die flammenden Reste der einst so stolzen Schiffe unter sich. Als die Feuerwehr eintraf, gab es nichts mehr zu retten. Alle Träume waren ausgeträumt, kein Schiff war davongekommen. Fassungslos und mit Tränen in den Augen standen die Skipper und ihre Familien vor den Resten ihrer Schiffe.
Dann begann es zu schneien als wolle der Winter die schwarzen, trostlosen Überreste mit einem weißen Tuch bedecken und sie so vor den Augen der Menschen verbergen.
"Papa!" flüsterte Claudia. "Wir bauen eine neue Halle und kaufen ein neues Schiff. Und dann sollen sie wieder am Heiligen Abend träumen, ja?"
Ja, Tochter! Das sollen sie!